Eine Ruhpoldinger Geschichte

Es waren Ruhpoldinger Bürger, die 1921 die erste Stromgesellschaft Ruhpoldings gründeten. 100 Jahre später ist die StromVersorgung Ruhpolding Teil des Ortes

Am 10. September 1921, vor gut 100 Jahren, kaufte die neu gegründete Stromversorgungsgenossenschaft Ruhpolding eGmbH das Privatnetz von Matthäus Seehuber (siehe Foto mit Familie von 1895). Er war der erste Stromerzeuger Ruhpoldings, der aus seinem kleinen Elektrizitätswerk seit 1895 einzelnen Bürgern Lichtstrom lieferte. Mit dem übernommenen Seehuberschen Netz wollte die Stromversorgungsgenossenschaft Ruhpolding eGmbH, die ausschließlich aus Ruhpoldinger Bürgern bestand, das Netz weiter ausbauen und kaufte im Laufe der Zeit weitere Privatnetze auf. Viele weitere privat gebaute Kraftwerke lieferten den Strom für die Stromversorgung. Wie oben im Bild der Bau des E-Werkes von Anton Plenk in St. Valentin 1920. Doch die Versorgung ließ immer wieder zu wünschen übrig, so gingen wegen der Stromschwankungen Glühbirnen kaputt oder Kunden durften nur eine begrenzte Kraftleistung in Anspruch nehmen. Wegen solcher Verbrauchseinschränkungen reichte Ruhpoldings Eigenerzeugung an elektrischem Strom verhältnismäßig lange aus.

Die Ruhpoldinger waren aber auch recht sparsam, wie man in der Chronik der Gemeinde nachlesen kann. Schon eine ganze Nacht mit Licht, weil ein Kind geboren wurde, ließ sich in der Abrechnung gleich erkennen. Wer die Geschichte der StromVersorgung nachlesen möchte, findet hier eine Kopie. Leonhard Schmucker, ehemaliger Geschäftsführer der StromVersorgung, hat sie, gut sortiert nach Ereignissen und Persönlichkeiten, geschrieben. Es ist auch eine Geschichte von zwei Weltkriegen, von 25 000 Mark für die Kilowattstunde Strom und von vielen Diskussionen unter den Genossen.

Ein Ausschnitt aus dem alten Hotel-register Ruhpoldings, in dem Stockmaiers Gasthof und Brauerei (heute Alpenhotel Wittelsbach) den Gästen elektrische Beleuchtung für alle Räume – in Aussicht – stellte. Die Menschen waren bescheiden

Bewegte Zeiten

Auch Helmut Müller, in der Geschichte Ruhpoldings sehr bewandert, erinnert sich an eine hitzige Diskussion der Genossen in der Wohnstube seines Elternhauses, als er noch klein war: „Mein Vater war Vorsitzender der E-Genossenschaft. Man wollte 1948 mehr Strom durch den Bau eines E-Werks in Röthelmoos erzeugen. Doch ein hinzugezogener Fachmann riet schließlich davon ab. Ein solcher Eingriff in die Natur, wie er geplant war, wäre heute undenkbar. Damals ging es schlichtweg um Versorgungssicherheit.“

Als Helmut Müller in den 1960er-Jahren dann selbst beim Ruhpoldinger Energieversorger in der Stromabrechnung tätig war, gab es längst genug Strom für alle. Ein Vertrag über Stromlieferungen mit den Isar-Amperwerken (IAW), der heutigen Bayernwerk AG, nahm diese Sorgen. „Meine Arbeit damals war mit der heutigen Zeit nicht wirklich vergleichbar. Ich bin die ersten zwei Jahre noch in jeden Haushalt, um den Zähler abzulesen und das Geld für den Stromverbrauch einzukassieren“, erinnert sich Müller. „Bei den IAW gab es damals schon Lochkarten. Die erhielten wir dann auch und stellten auf ein Halbdatensystem um.“ Er denkt immer noch sehr gern an diese Zeit zurück, auch an Leonhard Schmucker: „Er sorgte dafür, dass viele Leitungen zum Schutz vor Unwetter in die Erde verlegt wurden und auch, dass die Rauschbergbahn beim späteren Verkauf aller Anteile an die IAW mit verkauft wurde.“ Das Erbe Schmuckers hat die StromVersorgung in seinem Sinne weitergeführt. Inzwischen sind fast 98,5 Prozent der Leitungen Erdkabel. 2012 wurde entschieden, dass alle SVR-Kunden ausnahmslos Strom aus 100 Prozent Wasserkraft beziehen – wie schon vor 100 Jahren.

Als die Isar-Amperwerke die Stromversorgung Ruhpolding erwarben, übernahmen sie auch die Rauschbergbahn. Damit kompensierten die Gewinne des Stromerzeugers das Defizit einer wichtigen touristischen Attraktion Ruhpoldings.

Ein bewegender Moment

Als Erhard Birnbacher (im unteren Bild in der Mitte) 2011 in Pension ging, gingen auch 43 Jahre Geschichte der SVR mit ihm. 1968 fing er mit einem Stundenlohn von 1,84 D-Mark an und brachte es, neben der Meisterprüfung, zum Technischen Betriebsleiter: „Es war ein Arbeiten wie in einer Familie, es gab immer ein Miteinander, jeder war sofort bereit, einen Notfall zu bearbeiten, egal ob es Abend, Nacht oder Wochenende war.“ Vor der Pensionierung verabschiedete sich das „SVR-Urgestein“ 2011 von den rund
120 Kollegen, Mitarbeitern von Bau- und Elektrofirmen sowie Gemeinderäten mit einem gemütlichen Abend im Holzknechtmuseum. Außer Rainer Mendel, der damals gerade Vater wurde, kamen auch alle ehemaligen und damaligen Vorgesetzten, um mit ihm zu feiern. Ein besonderer Moment SVR-Geschichte (Im Bild von links): Rolf Stibler, Leonhard Schmucker, Erhard Birnbacher Jürgen Ochsendorf und Gerd Badstübner

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FOTO KAESBERG

Fotos: Fotoarchiv Helmut Müller